Alltagstrott:   "Lilly die Computermaus"

 

Es war Montag und Steven musste vormittags zur Schule. Nur noch diese Woche und dann würden die Ferien beginnen. Ein langer Sommer wartete auf ihn. Die Hitze in Las Vegas war inzwischen fast unerträglich geworden, draußen hatte es teilweise mehr als 40 Grad im Schatten. Es war eine Qual für ihn im Schulraum zu sitzen. Trotz Klimaanlage kroch ihm die Hitze in die Glieder und er konnte sich kaum noch konzentrieren. Die Klimaanlage in der Schule war ein längst überholtes Modell und hatte ab und an Aussetzer. Dadurch wurde es brütend heiß im Klassenzimmer. Die Lehrerin wischte sich ständig mit einem feuchten Handtuch den Schweiß von der Stirn und ihre Haare hingen ihr wie schwarze Pechsträhnen in ihr rundliches Gesicht. Sie sehnte sich wie die Kinder nach Freiraum und fieberte dem Ende der letzten Schulwoche und den verdienten Ferien entgegen.

 

Steven blickte gedankenverloren aus dem Fenster und erinnerte sich an Lilly, die er heute hoffentlich auf seinem Computerbildschirm wieder sehen würde. So etwas kannte er noch nicht. Die Maus hatte ihn fasziniert. Gewiss, es gab Tausende von PC-Spielen. Jedes war auf seine besondere Art interessant, aber Lilly, das war einzigartig und er wollte dieses Geheimnis für sich behalten. Sie wollte heute mit ihm reden. Er fand das zwar immer noch absurd, aber neugierig war er schon darauf, was sie denn mit ihm besprechen wollte.

 

Nach der letzten Schulstunde kam Matty an seine Schulbank.

 

„Steven hast du heute Lust mit mir zu einem Basketballspiel zu gehen, das ein paar Schüler der Highschool veranstalten werden?“

 

„Nein danke, heute geht es nicht, ich muss gleich nach Hause.“

 

„OK, vielleicht ein anderes Mal, wenn du wieder Zeit hast.“

 

„Ja, ganz bestimmt.“ Er lächelte.

 

 

Zu Hause angekommen lief er sofort in sein Zimmer und startete seinen Laptop. Seine Schultasche, die er in der Eile noch nicht abgelegt hatte, warf er mit Schwung auf sein Bett.

 

Nun saß er da und wartete ab, aber nichts passierte. Er öffnete seine Mailbox und überflog seine Posteingänge. Einer war von Bob. Steven dachte für einen Moment nicht mehr an Lilly. Die Freude über Bobs Nachricht ließ ihn die Maus vergessen.

 

Er las, was ihm Bob geschrieben hatte:

Hallo Steven, wie war Dein Schultag? Hast Du heute Nachmittag Zeit? Ich habe heute frei und wollte zum Outlet-Store fahren, um mir ein paar neue Jeans zu kaufen. Hast Du Lust mitzufahren? Sag mir Bescheid.

 

Liebe Grüße Bob

 

Schnell tippte Steven seine Antwort:

Na klar, ich habe Zeit und Lust auch. Ich rufe Dich nach den Hausaufgaben an.

 

Liebe Grüße Steven

 

Kaum hatte er sein „Steven“ fertig geschrieben, flimmerte der Monitor und wurde danach dunkel.

Und da erschien sie, „Lilly, seine Riesenmaus.“

 

Sie lag auf der Seite, hatte ein Bein angewinkelt und mit der rechten Hand stützte sie ihren Kopf.

 

„Hi, wie geht’s dir heute und wie war dein Schultag?“

 

„Danke, ganz gut! Aber heiß, die Klimaanlage spinnt ab und zu.“

 

Lilly gähnte.

 

„Bist Du müde?“

 

„Ja, habe viel zu tun.“

 

„Was hast Du denn zu tun?“

 

„Ach ich bin mal hier und mal da, war heute in England und Australien und kurz in Afrika.“

 

Steven traute seinen Ohren kaum.

 

„Was machst du denn in so vielen Ländern der Erde? Wie kann das sein, dass du an einem einzigen Tag so viele Orte auf der Welt aufsuchen kannst? Verschieden Kontinente, wie ist das möglich? Außerdem bist du doch nur ein Bild von einer Maus.

Eine Figur, wie von einem PC Spiel. Wieso kannst du überhaupt reden? Sprichst du etwa alle Sprachen der Welt?“

 

Steven hatte sehr viele Fragen, Lilly sah ihn nur an, hörte konzentriert zu und versuchte alles zu beantworten.

 

„Ja, ich spreche alle Sprachen der Welt. Ich lebe im Netz und bin irrsinnig schnell. So schnell, wie du eine E-Mail von hier nach sonst wo schicken kannst. Das dauert ja auch nur ein paar Sekunden.“

 

„Wie kann das sein?

 

„Ich entstand in Deutschland, durch einen Blitz, der in einen Rechner eines Programmierers eingeschlagen hatte. Ich bestehe aus Bits und Bytes, die durch den Blitz durcheinandergewirbelt wurden. Und ich bin überall, wo man mich braucht.“

 

„Ich habe dich nicht gerufen, denn ich wusste ja gar nicht, dass es dich gibt.“

 

„Aber ich wusste, dass es dich gibt.“

 

„Woher wusstest du das?“

 

„Durch deine traurigen Mails, die du immer an deine Freunde verschickst.“

 

„Aber wie ist das möglich?“

 

„Wie gesagt, ich lebe im Netz und bekomme alles mit. Alle Nachrichten, die von irgendwo nach irgendwo verschickt werden. Ganz gleich von wem. Auch alles Wissen dieser Welt nehme ich auf, alles ist in meinem Kopf gespeichert, wie auf einer großen Festplatte. Ich kenne alle lebenden und toten Personen, alle Menschen, Tiere und Gegenstände, über die mal hier im Netz etwas geschrieben wurde. Alle Nachrichten, ob gut oder schlecht, alles ist in meinem Kopf.“

 

„Alle toten Personen, sagst du?“

 

„Ja alle toten Personen, über die ich hier im Netz erfahren habe. Auch von dem schrecklichen Verkehrsunfall deiner Mutter habe ich gehört.

Deshalb bin ich hier.

Matty, dein Schulfreund hatte diese Nachricht auf seiner Mailbox, dort habe ich es zuerst erfahren. Ich habe deine Nachrichten an Matty und deine anderen Freunde verfolgt. Und beeilte mich zu dir zu kommen, um mit dir zu sprechen.

Du bist nicht das erste Kind, das seine Mutter verloren hat. Es gibt ganz viele Kinder, die ohne Eltern sind, viele ältere traurige Menschen, viele Mütter, die um ihre Kinder trauern und sonst auch viele Leute, die aus irgendeinem Grund es sehr schwer haben.

Überall möchte ich gerne sein und helfen, trösten und aufmuntern. Aber der Tag hat nur 24 Stunden. Davon schlaft ihr Menschen einen großen Teil, sodass mir nur 14 bis 16 Stunden bleiben, um all das zu tun, was ich möchte.

Einen Auftrag habe ich nicht. Ich tue das, was ich will und wann ich es will. Manchmal habe ich ein Problem zu entscheiden, wo ich zuerst hingehen soll und was wichtiger sein könnte.“

 

„Dann bist Du so eine Art“ Mutter Theresa“ im Netz?“

 

„Ja, das könnte man so nennen.“

 

Lilly sah so aus, als würde sie grinsen. Die Bezeichnung „Mutter Theresa“ gefiel ihr offenbar.

 

„Aber nun zu dir Steven. Jetzt sind ja bald Ferien, was wirst du denn so machen?“

 

„Ach, ich weiß noch nicht genau.“

 

„Heute hat dir Bob schon geschrieben, habe ich mitbekommen.“

 

„Dir entgeht wohl gar nichts?“

 

„Ne, nicht wirklich!“ Lilly grinste wieder.

 

„Großmutter muss noch eine Woche arbeiten, aber dann ist sie auch für den Rest der Ferien zu Hause und wir können etwas zusammen unternehmen.“

 

„Wo arbeitet denn deine Großmutter?“

 

„Sie arbeitet in einem Drugstore am Las Vegas Boulevard, aber nur abends von 16 bis ca. 22 Uhr, bis jetzt! Künftig wird sie mehr arbeiten müssen, weil sonst das Geld nicht mehr reicht, für alles, was wir brauchen.“

 

Steven senkte den Kopf und atmete tief ein, um gleich wieder die Luft mit einem schweren Seufzer auszustoßen.

 

„Mach Dir keine Sorgen Steven, deine Oma ist noch jung und topfit, sie wird das verkraften.“

 

„Ja schon, aber sie sollte es doch auch in ihren Alter ein bisschen ruhiger haben dürfen. Ein Leben lang hat sie immer schwer arbeiten müssen und jetzt soll sie noch mehr arbeiten, um die Miete für unser Häuschen hier zu bezahlen und um uns zu ernähren. Wir wollen nicht wie die Penner in den Überflutungskanälen bei Regen um unser Leben und die paar Habseligkeiten fürchten müssen.

Weißt du, wenn es stark regnet, werden sie oft im Schlaf weggeschwemmt von den Fluten. Sie verlieren das Wenige was sie besitzen, und haben dann nur noch ihr jämmerliches, nacktes Leben.

So wollen wir nicht enden.“

Steven ballte die Faust und kämpfte mit den Tränen. „Das Leben ist so ungerecht! Den Busfahrer, der meine Mutter überfahren hat, soll der Schlag treffen, sofort und auf der Stelle!“

 

„Der Busfahrer hat das sicher nicht mit Absicht getan.“

 

„Das ist mir egal. Meine Mutter ist tot! Hörst du? Tot! Sie kommt nicht wieder, nie wieder!“

 

Und Steven weinte zum ersten Mal vor jemandem, so richtig Rotz und Wasser. Die ganze Zeit hatte er seine Trauer nur für sich behalten, doch jetzt konnte er seinen Gefühlen nachgeben. Durch Lillys Fragerei konnte er endlich weinen.

 

Lilly blickte das Häufchen Elend an. Sie hatte Mitleid.

 

„Steven es ist traurig, was passiert ist. Weine nur, es wird dir helfen, dich etwas besser zu fühlen. Nur so kannst du den zu frühen Tod deiner Mum verarbeiten. Gewiss, es braucht Zeit. Es ist noch nicht lange her, aber je eher er du damit beginnst, deine Gefühle zu zulassen, umso besser ist es.“

 

Steven blickte Lilly aus geröteten Augen an und schien sich wieder gefangen zu haben.

 

„Ja, ich weine oft, am Abend, wenn ich im Bett liege und aus dem Fenster schaue, dann denke ich an Mutter und an die Abende, als sie hier an meinem Bett saß und mich zudeckte und mir etwas vorlas. Sie war eine gute Mutter und sie war immer lieb zu mir. Ich werde sie nie vergessen, sie wird immer in meinem Herzen sein. Abends spreche ich manchmal mit ihr, das heißt, ich spreche, aber es kommt keine Antwort. Und dann bin ich traurig und weine.“

 

„Du kannst sie nicht hören Steven, aber sie ist da drin bei Dir, in deinem Herzen und da lebt sie weiter, weil du sie lieb hast und ihre Liebe lebt in dir, auch wenn du sie nicht siehst oder hören kannst. Aber hör auf dein Herz, dann spürst du Liebe deiner Mum.“

 

„Danke Lilly, ich werde immer daran denken was du gesagt hast. Mum ist da drin bei mir und ich werde sie beschützen.“

 

„Gut Steven, das ist schön. Ich werde dich bald wieder besuchen und dann können wir wieder reden, OK?“

 

Steven nickte und lächelte.

 

„Ich wünsche dir viel Spaß heute Nachmittag mit Bob. Wir sehen uns! Ich muss weiter Steven.“

 

Sie verdrehte sodann die Augen, richtete sich auf aus ihrer Liegeposition, fasste sich an den Kopf und verschwand genau so schnell wie sie gekommen war.

 

 

Die Launen der Reichen
"Die Launen der Reichen" Irma Ondra